Die Familie von Hugo u. Eva Kahn FRIEDMANN
Hugo und Eva Friedmann kamen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nach Themar. Dort bekamen sie vier Kinder, die zwischen 1902 und 1908 geboren wurden. Dann verließen sie Themar wieder, fast ohne eine Spur ihres Daseins in der Stadt zu hinterlassen.

Zeugen der Shoah, Eva Kahn Friedmann, 2008. Quelle: Yad Vashem Zentraldatenbank.
Es ist uns allerdings gelungen ein paar Spuren zu finden: In dem Stadtarchiv Themar wurde ein Dokument gefunden; und zwar der Antrag, den Ernst Lewin, Ehemann von Sitta Friedmann, Anfang Januar 1939 eingereicht hatte. In diesem Antrag wurde der Name „Sara“ als zweiter Vorname von Sitta hinzugefügt. In den Online-Datenbanken, unter anderem im Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung, sowie in der Yad Vashem Zentraldatenbankund den Gedenkblättern haben wir etwas mehr Information finden können. Weitere Details ergaben sich nach der Verlegung der Stolpersteine in Bernkastel-Kues.
Und so bildete sich allmählich ein Portrait der Familie: Hugo Friedmann, der Sohn von Salomon und Johanna Friedmann, wurde 1876 in Neu-Ulm, Bayern (A auf der Karte unten) geboren. Eva Kahn, die Tochter von Nathan Kahn (Mutter unbekannt), wurde 1877 in Medernach, Luxemburg, etwa 400 km weiter im Nordwesten geboren (B auf der Karte unten).

Hugo Friedmann hatte sich vermutlich für diese Stelle als Lehrer, Kantor und Schächter in Themar im Jahre 1900 beworben. Quelle: alemania-judaica
Hugo wurde Religionslehrer und Kantor und kam aus beruflichen Gründen nach Themar. Wir nehmen an, dass er sich dort um eine Stelle bewarb, die 1990 ausgeschrieben wurde (siehe rechts). Hugo und Eva haben am 01. Januar 1902 geheiratet. Ende 1902 wurde ihre erste Tochter Johanna geboren. Hugo, der jüngste der vier Kinder, wurde am 15. Oktober 1908 in Themar geboren. Die Familie Friedmann lebte in der Hildburghäuser Straße 17 über der Synagoge. In dieser Zeit gab es ca. 100 Juden in Themar. Hugo Friedmann hat dort als Kantor gearbeitet und Religionsunterricht für Kinder gegeben.
Im Jahr 1909 verließ die Familie Friedmann Themar und ging nach Bernkastel-Kues, östlich der Deutsch-Luxemburgischen Grenze (D auf der Karte). Sie zogen in die Burgstraße 7. Hugo Friedmann wurde dort als Lehrer und Kantor in der Gemeinde eingestellt, die zu diesem Zeitpunkt ca. 60 Mitglieder hatte. Er arbeitete außerdem als Religionslehrer für Kinder aus den Nachbardörfern, u.a. Rachtig und Zeitlingen.
In den zwanziger Jahren veröffentlichte Hugo Friedmann mehrere wichtige Bücher; zunächst 1927 die Festschrift zur Feier des 75-jährigen Bestehens der Synagoge in Bernkastel-Kues „Die Jüdische Gemeinde in Berncastel-Cues: ein geschichtlicher Rückblick“ und dann im Jahr 1929 die „Verstorbenenlisten der jüdischen Gemeinden der Mittelmosel von Wintrich bis Enkirch, Bernkastel-Cues“. 1934 feierte Hugo sein Jubiläum: 50 Jahre im Dienst.
Als sich die Situation für die deutschen Juden in den dreißiger Jahren verschärfte, hat die Familie Friedmann Folgendes getan: Johanna, die älteste Tochter und Hugo, auch Bruno genannt, gingen nach Südafrika. Friedrich (Fritz), floh nach Belgien, wo er in einem Versteck überlebte. Sitta blieb in Deutschland. 1935 hatte sie mit ihrem Ehemann Ernst Lewin einen Sohn, Joachim. Irgendwann Ende der dreißiger Jahre oder Anfang der vierziger Jahre zogen Eva und Hugo nach Luxemburg, vermutlich in der Hoffnung, dass Luxemburg mehr oder weniger neutral bleiben würde, wie es im Ersten Weltkrieg der Fall war.

A=Neu-Ulm/Bavaria B=Medernach/Luxembourg C=Themar/Thüringen D= Bernkastel-Kues E=Ettelbruck/Luxemburg.
Dem war aber nicht so: Am 10. Mai 1949 wurde Luxemburg von der deutschen Armee besetzt, als diese in Südfrankreich einmarschierte. Damit wurde Luxemburg an Deutschland als Teil der Trier-Koblenz Region angeschlossen. Anfangs erlaubte die deutsche Verwaltung noch die Auswanderung der Juden, was dazu beitrug, dass Mitte 1941 die jüdische Bevölkerung in Luxemburg von 3 800 auf 1 800 sank. Hugo und Eva konnten das Land nicht verlassen und wurden am 16. Oktober 1941 mit dem ersten Transport der Juden von Deutschland nach „Osten“ ins Ghetto Litzmannstadt, (Lodz Ghetto) deportiert (Siehe die Deportation nach Litzmannstadt Ghetto und Tag der Erinnerung: 16. Oktober 1941). Beide kamen in diesem Ghetto um, Eva im Mai 1942 und Hugo im Juni 1942. Hugo war zu dem Zeitpunkt 66, Eva 65 Jahre alt.
Das Schicksal von Sitta und Ernst Lewin und ihrem vierjährigen Sohn Joachim ist zeitweise unklar. Einerseits lebten sie Anfang

Ernst Lewin reichte im Januar 1939 die Namensänderung für Sitta Friedmann Lewin ein. Quelle: Stadtarchiv Themar
1939 in Falkenburg, was der Antrag auf Namensänderung wiedergibt, den Ernst beim Standesamt in Themar eingereicht hatte. Anderseits steht in den Unterlagen für die Verlegung des Stolpersteins für Sitta Lewin, dass sie bis 1940 in Bernkastel gelebt hat. Außerdem gibt es eine unvollendete Notiz in Yad Vashem „Zeugenaussage für Joachim Lewin“, in der es heißt: „Kurz nach dem Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges wurde seine [Joachims] Familie gezwungen nach Lubin umzuziehen. Etwas später wurden sie allerdings…“ – hier endet der Satz. Klarheit gibt es erst im Gedenkbuch von 1986; dort steht, dass Familie Lewin am 3. Oktober 1942 in Berlin war, von wo aus sie gemeinsam nach Theresienstadt abtransportiert wurden.
Sitta Friedmann Lewin starb am 22. Februar 1943 in Theresienstadt. Sie war zu dem Zeitpunkt 39 Jahre alt. Ernst und Joachim wurden am 06. Oktober 1944 nach Auschwitz gebracht. Ernst Lewin war 49 Jahre alt. Joachim Lewin war neun.
Hugo FRIEDMANN, geb. 01 March 1876 Neu-Ulm, gest. 13 June 1942 Ghetto Litzmannstadt
+. Eva KAHN, geb. 19 June 1877 Medernach/Luxemburg, gest. 04 May 1942 Ghetto Litzmannstadt
1. Johanna FRIEDMANN, geb. 21 Dec 1902 Themar, gest. 11 May 1970 S. Africa
+. Karl LANG, geb. Germany, gest. 1963 Köln/Cologne
2. Wilma LANG, gest. 1994
2. LANG, geb. 1927
1. Sitta FRIEDMANN, geb. 28 Dec 1903 Themar, gest. 22 Feb 1943 Theresienstadt Ghetto
+. Ernst LEWIN, geb. 05 Jul 1895 Falkenburg, gest. Auschwitz
2. Joachim LEWIN, geb. 11 Oct 1935 Falkenburg, gest. Auschwitz
1. Friedrich/Fritz FRIEDMANN, geb. 17 Oct 1905 Themar
1. Bruno FRIEDMANN, geb. 15 Oct 1908 Themar
Die Verlegung der Stolpersteine und damit verbundene Recherche und Pressemeldungen, helfen Historikern Informationen über die Spuren von jüdischen Gemeinden, wie zum Beispiel der Gemeinde in Themar zu finden. Manchmal ergeben sich allerdings aus dieser Recherche mehr Fragen als Antworten. Siehe zum Beispiel: Ein Stein, ein Mensch, volksfreund.de, 29 Oktober 2008, und D.B. Broadman, “A return to Germany, a dedication for Kristallnacht,” The New Jersey Jewish Standard, 06 Nov 2009.Wenn Sie etwas über die Familie von Hugo und Eva Friedmann wissen, oder Fragen haben, schreiben Sie uns bitte: s.meen79@gmail.com oder smeen@mail.ubc.ca Wir würden uns sehr über eine E-Mail von Ihnen freuen.
Quellen:
Alemannia-judaica, Bernkastel(Stadt Bernkastel-Kues, Kreis Bernkastel-Wittlich) Jüdische Geschichte/Synagoge
Stadtarchiv Themar
Das Bundesarchiv, Gedenkbuch
Zeitung für Themar 1904-1909.
Yad Vashem, Zeugenaussagen abgegeben für H. Friedmann, E. Friedmann, S. Lewin, E. Lewin, J. Lewin, 2008.
